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Bericht
'Tannhäuser'
Repertoirevorstellung Bayreuther Festspiele
am 13.08.2011
 

 
 


Ankündigung Bayreuther Festspiele

 

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  'Tannhäuser
oder der biogenetische Kreislauf'
   
 
Die Leser dieser Zeilen bitte ich im Voraus um Verzeihung, dass sie öfters mit einer Diktion konfrontiert werden, die eigentlich nicht mit meiner sonstigen Sprache übereinstimmt, die jedoch auf diese auf der untersten Ebene menschlicher Gepflogenheiten sich bewegenden Regisseur- und Installations-Veranstaltung angepasst werden musste.
 
 

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Es ist allgemein bekannt, dass jemand, der heute seinen Lieben eine Mahlzeit vorsetzen möchte, ökotrophologisch geschult sein muss, um all die künstlichen Aromen, Verdickungsmittel und Haltbarmacher an ihren Kürzeln auf der Verpackung zu erkennen.

So geht es auch dem Zuschauer, der in eine 'modische' Regisseur-Theater-Inszenierung gerät, die auf dem Aushang zwar mit 'Tannhäuser' von Richard Wagner angekündigt wird, die aber dann Kessel und Apparaturen, ähnlich einer Biogasanlage oder Chemiefabrik zeigen, die aber dem Landwirt wie auch dem Chemiker wegen ihrer  Funktionsuntüchtigkeit doch wohl nur Kopfschütteln verursachen.


Auch der Chor der Werktätigen, die auf der Bühne herumwuseln, sich an Hebeln betätigen, Räder drehen, Exkremente aus Eimern umfüllen, scheinen nur mit der Ausgabe von werkseigenem Rauschmittel, das aus roten, blechernen Näpfen genossen wird, bei sinnloser Arbeit gehalten zu werden.

Dazu gibt es Filmchen, Charly Chaplin's 'Moderne Zeiten' lassen grüßen - Zappelbildchen und die tiefen Weisheiten von Katharina Wagners Lieblingsband 'Rammstein', die den verblödeten alten Weibern und verkalkten alten Säcken, aus denen ja das Publikum angeblich bestehen soll, endlich die Welt erklären.

 
 

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Höchst störend fährt nun die Ouvertüre Richard Wagners in die Betrachtung der Installation von Joep van Lieshout und den von Sebastian Baumgarten gestalteten 'actions' der Darsteller in den einzigartigen Fummeln von Nina von Mechow.

Ein Käfig fährt empor, in dem zottelige Halbaffen herumhüpfen, riesige Plastik-Kaulquappen kriechen, das Licht grell in mehrere Farben wechselt, ein Statist im Pantherkostüm umherstreicht und sich endlich ein kleiner, vom Weh und Ach seines Lebens beschmuddelter Mann - eigentlich ein Heldentenor als Titelträger - der sich von einer in geschmacklich bedenkliches Goldbrokat gepressten, hochschwangeren Frau mit Amy-Winhouse-Bienenkorb-Frisur, die erstaunlich laut schimpft, verabschiedet.

Zur Synergie neigende Menschen haben in ihrer olfaktorischen Phantasie den Gestank schlecht gepflegter Tiere bemerkt und können die Flucht des Helden aus diesem ekligen Gefängnis verstehen.

Dies soll nun der Venusberg, ein Ort von Schönheit, Lust und Heiterkeit, von Richard Wagner mit einer zauberhaft sirrenden, glitzernden Musik geschildert, sein.
 
 

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Der  Käfig versinkt in den Keller der Fabrik, der kleine, den Titel des Werkes tragende Schmuddelmann entert die obere Galerie, findet zu seinem Glück - von der Requisite bereitgestellt - einen Putzeimer, Lappen, Wasser und beschäftigt sich nun für lange Zeit damit, seine  Beine zu reinigen, während der junge Hirt - leuchtend schön gesungen von Katja Stuber - mit Koma-Saufen beginnt.

Der Chor der Werktätigen erhält sein Kantinenessen, singt als Pilger, dann tritt ein Rudel schlecht gekleideter Männer auf  - eigentlich eine vornehme Jagdgesellschaft - unter ihnen auch Arnold Bezuyen, der begnadete Komödiant, der den ganzen Blödsinn auf der Bühne durch seine G'schaftlhuberei so auf die Spitze treibt, dass einem ein im Halse steckendes Lachen laut herausfährt.

'Bleib bei Elisabeth' singt 'Wolframchen' und gleich werden für den 'song contest' Biergarten-Bänke aufgestellt. Zu beiden Seiten der Bühne sitzen Leute, dem Vernehmen nach Mitglieder von TAFF, der neuen Stiftertruppe, die - wie sie mitteilen - unbürokratisch Geld ausgeben wollen.
Ende des ersten Aufzuges - die Bühne bleibt offen, das Publikum strömt nach draußen ins Freie zu Bier und Bratwurst - die Minen sind verdrossen.

 
 

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Glanzvoll ertönt das Vorspiel zum zweiten Aufzug unter der Leitung von Peter Tilling.

Im langen roten Einheitskaftan, wie ihn zeitweise auch der Chor über den weißen Trikotagen trägt, erscheint Elisabeth, Camilla Nylund, schön aussehend und ebenso singend, eine Wohltat für Auge und Ohr. Man kann sich lebhaft vorstellen, welche Kämpfe sie ausfechten musste, um elegant und fürstlich aussehen zu dürfen, sie darf sogar Schmuck anlegen, muss aber eine Kette so neckisch schwenken wie 'Pretty Woman' es mit ihrem Nuttentäschchen tat.
Ein Glück, dass sie im Duett mit dem Helden so herrlich strahlend singt.

Der 'Einzug der Gäste' ist nichts als ein bisschen Rempelei auf den Biergartenbänken, für die Sänger gilt ein 'Hock di hi', Frau Venus gesellt sich hinzu und hält sich ihren Baby-Bauch. Die Sänger geben mühsam ihr G'stanzl  von sich, Biterolf darf mit all' der outrierenden Gestik umeinanderfuchteln, die einem im szenischen Unterricht als erstes ausgetrieben wird.

Der fesche Landgraf, Günther Groissböck, trägt mit prachtvollem Bass seine Gedanken vor, über der Schulter trägt er eine Kuhhaut, auf die das alles nicht geht.
Die Situation eskaliert, Tannhäuser knutscht, in knallgelben Overall mit schwarzem Jäckchen gewandet, mit Venus.
Elisabeth an Borderline-Syndrom leidend, ritzt sich die Handflächen auf - schade um das schöne weiße Kleid, aber Blut muss in einer 'modischen Inszenierung' ja fließen!
Großes Ensemble - Null Personenregie.
Endlich - 'Nach Rom' und Pause.

Das Publikum hat leere Gesichter, die Stipendiaten drucksen herum - das soll das hehre Bayreuth sein wie es sich Richard Wagner für seine Werke vorstellte?
Da machen sie - wie sie berichten - die Augen zu, da klingt es schön.
Dafür aber muss man nicht nach Oberfranken fahren, der BR sendet und es genügt ein 'Volksempfänger', um Richard Wagner zu genießen.
Man stelle sich vor, wie viel Gelder gespart werden könnten und nicht der Bayreuther-Subventionsvernichtungsmaschinerie für 'modische Inszenierungen' anheim gegeben würden.
 
 

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Dritter Aufzug
Elisabeth in weißem Häkelgewand mit Timoschenko-Zopf tigert die Galerie hin und her -
Aha! - Hospitalismus!
Aus Kesseln der Joep van Lieshout - Installation dampf es, auch von draußen durch das Werkstor, ja, man kennt den Spruch: 'Wenn die Regie nicht weiter weiß, nimmt sie gerne Trockeneis!'

Die Rom-Pilger erscheinen, befreit von Sünden, aber von einem Reinigungszwang befallen. Besen, Eimer, Putzlappen werden roboterhaft geschwungen - da kann sich die daheim gebliebene Ehefrau auf einen gut abgerichteten Hausmann freuen!

Der sturzbesoffene Hirtenknabe - der Alkoholkonsum aus dem ersten Aufzug zeigt seine Wirkung - wimmelt herum, der wie immer fabelhaft singende Festspielchor versöhnt für ein paar Minuten, ebenso wie Camilla Nylunds - in perfekter Schönheit und Beseeltheit vorgetragenes Gebet.
Nachdem 'Wolframchen' brav den Abendstern angesungen hat, erscheint Tannhäuser, der Held, ohne Haare, eine schäbige Decke umgehängt, immerhin ist er drunter nicht nackt wie die Darsteller sonst heute doch so häufig in 'modischen Inszenierungen'.
Für ihn naht die Stunde der Wahrheit - die 'Romerzählung' und die singt Lars Cleverman mit Anstand und sorgsam eingeteilten Kraftreserven.

Frau Venus erscheint aufs Stichwort, noch mit Babybauch, Dampf steigt aus dem Loch zum Venuskäfig, sie verschwindet, bringt in der Versenke in Rekordzeit ein Kind zur Welt, ein Tableau baut sich auf: Vorne die Kaulquappen, dann Venus im Prachtkaftan mit Baby, dann die Halbaffen, der Käfig fährt hoch, drauf liegt der tote Tannhäuser, oben auf der Galerie der Werktätigen-Chor und die zur Ikone erstarrte Elisabeth - Schlussakkord.
 
 

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Dann geschieht das eigentliche Wunder:
Alle, diejenigen die abgetan werden als ewig Gestrige die dem provinziellen oberfränkischen Regisseurtheater nicht folgen wollen, zeigen sich als lebhafte, jugendliche Menge, sie brüllen ihre Wut heraus über das was das Leiterinnen-Duo aus Bayreuth sich da anzubieten erdreistet.

Fein abgestuft der Beifall: Top-Star der Chor, dann Camilla Nylund als in jeder Hinsicht überzeugende Elisabeth, Günther Groissböck als mit Pracht-Bass singendem attraktiven Landgrafen, auch ein verdientes Lob für Lothar Odinius als Walter, wie auch Anerkennung für das Orchester unter Peter Tilling.
Danach mäßigte sich das Publikum in seinen Beifallsbekundungen.

 
 

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Bewundern konnte man morgens Dr. Sven Friedrich bei seinem Einführungsvortrag , indem er wie ein gerissener Pflichtverteidiger all den szenischen Unsinn, der mit Richard Wagners Werk nichts zu tun hat, zu erklären sich bemühte.
 
 

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Gesucht werden:
Theaterleiter, die, wie Kurt Hübner in Bremen (ich stand dabei) vom Rang herunter donnerte:
'Und sie wagen es mir in meinem Hause, eine solche Scheiße anzubieten!',
sich gegen Inszenierungsmurks verwahren.

Gesucht werden:
Besucherorganisationen und Theaterfreunde, die sich tatkräftig wehren, damit nicht weiterhin mit Steuergeldern unsere Theaterkultur durch 'modische Inszenierungen' zerstört wird.

 

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Um 'Missverständnisse' zu vermeiden:

Ich verstehe diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik
um der Kritik willen, sondern als Hinweis auf - nach meiner Auffassung -
Geglücktes oder Misslungenes.

Neben Sachaussagen enthalten diese Texte auch Überspitztes und Satire.

Hierfür nehme ich den Kunstvorbehalt nach Artikel 5, Grundgesetz, in Anspruch.


Marie-Louise Gilles
 

 

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