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Bericht

'Der Fliegende Holländer'

Nds. Staatsoper Hannover
Repertoirevorstellung
26.03.2017

 


Bemerkungen eines voll zahlenden Theaterbesuchers
zur szenischen Umsetzung
 

   

   

 

Bekanntmachung der Nds. Staatsoper Hannover

 
Zitat

 


Der fliegende Holländer

Oper von Richard Wagner

Romantische Oper in drei Aufzügen WWV 63 (1843 / 60)

Dichtung vom Komponisten nach Heinrich Heines
Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski (1834)

Auf dem Spielplan seit der Premiere der Inszenierung
am 11. Februar 2017

 


Das Meer: aufgepeitschte Wellen, sprühende Gischt, brausender Wind, ein Klang von Abenteuer; der Mensch auf seinen Schiffen, jederzeit der Katastrophe des Schiffbruchs in der unbezähmbaren Naturgewalt der See ausgesetzt. Der Holländer: Er hat sich in die Stürme geworfen, Flauten und unberechenbaren Luftströmen getrotzt, um seine Ziele in den fernen Häfen der Welt zu erreichen – und im Moment größter Not, in der jeder vernünftige Mensch die Segel gestrichen hätte und umgekehrt wäre, hat er sich über das menschlich Mögliche erhoben, das Schicksal, die Natur und Gott herausgefordert. Der Lohn für seine Hybris ist ein Fluch, der es ihm nur noch alle sieben Jahre gestattet, an Land zu gehen und Erlösung zu suchen. Nur eine Frau, die ihm auf ewig Treue schwört, kann ihn von seiner Unbill befreien. Bis dahin trägt er den unsteten Rhythmus des Meeres, den Klang der Katastrophe – womöglich bis ans Ende aller Tage – in sich.

Senta: könnte sie die Erlösung des Holländers sein? Der Klang ihrer Sehnsucht entspringt dem endlosen Rattern der Spinnräder – an Land, bei den Frauen, die auf die Heimkehr ihrer seefahrenden Männer warten, auf Geschenke aus fernen Landen. Obsessiv träumt sich Senta einen Mann wie den Holländer herbei, der diesem monotonen Rauschen der Räder ein eigenes, gewaltiges Rauschen entgegensetzen kann – einen Mann, wie es der Förster Erik niemals sein kann: Seine Liebesbekundungen gegenüber Senta, die diese einst wohl erwiderte, sind wie ein lauer Wind über Wiesen und Wälder. Sieben Jahre sind seit dem letzten Landgang des Holländers verstrichen. Das Schicksal führt ihn mit Sentas Vater Daland zusammen. Dieser – ganz Geschäftsmann – wittert seine Chance auf Reichtümer, wenn er Senta zur Heirat mit dem Unbekannten bewegen kann. Und tatsächlich: als sich der Holländer und Senta begegnen, tritt zum ersten Mal Stille in die Herzen der beiden Suchenden. Doch ist es der stille Einklang zweier Herzen, die ihre Bestimmung gefunden haben – oder die unheilvolle Stille im Auge des Sturms, dem Unheil folgen wird?

Das Tosen der Wellen, der durch die Segel heulende Wind: All dies ist in der Ouvertüre zu Richard Wagners Der fliegende Holländer zu hören – fast zu spüren –, wenn die Hörner des Orchesters ihr Signal in die tremolierenden Streicherwogen hinausrufen. Wagner selbst war wenige Jahre vor Entstehen der Oper knapp einem Unglück entkommen bei seiner Überfahrt von Riga via England nach Paris: »Diese Seefahrt wird mir ewig unvergeßlich bleiben; sie dauerte drei und eine halbe Woche und war reich an Unfällen. Dreimal litten wir von heftigstem Sturme, und einmal sah sich der Kapitän genöthigt, in einem norwegischen Hafen einzulaufen. Die Durchfahrt durch die norwegischen Scheeren machte einen wunderbaren Eindruck auf meine Fantasie; die Sage vom fliegenden Holländer, wie ich sie aus dem Munde der Matrosen bestätigt erhielt, gewann in mir eine bestimmte, eigenthümliche Farbe, die ihr nur die von mir erlebten Seeabenteuer verleihen konnten.«

Zitatende
Textentnahme 26. August 2018
 

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Der fliegende Holländer

Repertoirevorstellung Nds. Staatsoper Hannover –
26. März 2017


Charles Baudelaire,
Richard Wagner et Tannhauser (1861)

Der Gedanke, einen Unglücklichen gerade um dieses seines Unglücks willen zu lieben, ist so groß, daß er nur in einem völlig reinen und unbefangenen Herzen Raum finden kann; und es ist wahrlich ein schöner Einfall, die Erlösung eines Verdammten für die leidenschaftliche Selbstaufopferung eines jungen Mädchens aufzusparen. Das ganze Drama ist mit sicherer Hand klar und unmittelbar aufgebaut, jede Szene steht an richtiger Stelle, die Gestalt der Senta zeigt eine so übernatürlich romantische Größe, daß sie im gleichen Maße zu bezaubern wie Furcht einzuflößen vermag. Die schlichte Einfachheit der Dichtung trägt wesentlich zu ihrem Eindruck bei. Alles ist auf das Beste überlegt, klar ausgedrückt und von wohlberechneter Wirkung. Die Ouvertüre, die man anlässlich des Konzertes im Italienischen Theater zu hören be­kam, ist schaurig-geheimnisvoll wie das Meer mit seinen Stürmen und Nebeln selbst.

 


Und was macht die Intendanz der Niedersächsischen Staatsoper Hannover daraus?
Ein
'Junge, komm bald wieder!'

Es ist ihr wieder mal gelungen, mit Hilfe eines Teams aus dem 'Regisseurstheater' - unter Aufsicht des Theaterdirektors - eine große romantische Oper zu albernem Entertainment zu degradieren.
Das Staatsorchester unter der wachsamen Leitung von Mark Rohde, der am Vormittag engagiert und kompetent für die Uraufführung der Oper 'Lot' geworben hatte, führte bei dieser Nachmittagsvorstellung dem Publikum im gut durch Besucherorganisationen gefüllten Haus die Schicksale der Personen um den Verfemten und die unermesslichen Kräfte der Natur vor.
(Die sonst so prachtvollen Hörner hatten aber keinen guten Tag - also: “Gute Besserung!“)

Vorbereitet durch die Einführung des munter plaudernden Dramaturgen Christopher Baumann, der nach Informationen über das Leben Richard Wagners, grausiger Erfahrung gestützten Inspiration zum Werk, uns allen einen assoziationsreichen Abend wünschte, fordere ich nun auch Sie zum munteren Assoziieren auf.

Die Ouvertüre wird vor geschlossenem Vorhang gespielt.
Wenn dieser sich dann hebt, sehen wir zunächst nichts, denn die Bühne ist dunkel.

Für die Nr. 1 erscheint eine Gruppe – wohl Männer – aus dem Hintergrund, mit Taschenlampen in der Gegend herumfuchtelnd, um dann einen von hinten auftretenden schlanken Mann mit kleinem Rollkoffer anzuleuchten.

Es ist der Handlungsreisende Daland, früher bei Richard Wagner ein norwegischer Kapitän,
Sandwike ist's! Genau kenn' ich die Bucht,
der hierher mit seinem Schiff vom Sturm abgetrieben wurde.

Die Taschenlampenleuchter lenken den Schein auf einen Menschen oben an der Reling, der behauptet
Wir haben sich’ren Grund.
worauf der Handlungsreisende, der vorher den Jüngling links oben fragend mahnte,
…. Die Wache nimmst du wohl für mich?
Der Chor ist inzwischen nach links abgegangen.
Der Handlungsreisende -
Tobias Schabel ist dieser, er singt schön und agiert keck und flinkfüßig als ein so ganz anderer Daland als die sonst üblichen Bass-Schwergewichte. Es ist überzeugend - also warum nicht - folgt mit seinem Rollkoffer auch nach links.

Die Bühne wird nun stärker erhellt.
Man sieht ein monströses Bauwerk.
Assoziiere:
- Die Lobby eines Urlauberschiffs?
- Eine Shopping-Mall, wie das Programmheft berichtet?
- Die Bauruine einer Pleitefirma?
In der Mitte prangt eine mit feinem Edelstahl umkleideter Treppenlauf, dahinter eine Rolltreppe, die aber offensichtlich nicht funktioniert, denn die sie Betretenden müssen ganz normal Stiegen steigen.

Dicke Säulen ragen auf, das Monstrum wohl ein Schiffsrumpf, der auf Land gestrandet ist und hier rechts im Dreck eines Ufers endete. Wie aber soll von hier aus die Weiterfahrt Dalands gelingen?

Der erste Stock mit der Geländerumrandung ist abgebrochen, links steht eine blonde Schaufensterpuppe, am Ende des Abbruchs liegt rechts eine tote Kuh, die, wie mir meine empfindsame Nase sagt, bald heftig stinken wird.
Rechts unten 'an Land' ein weißer Container, der wohl ein Wohnhaus oder das Büro der Zollabfertigung sein soll.
Unter der Rolltreppe in der Mitte führt eine Stiege auf die Unterbühne in den Bauch des Schiffes oder in den Keller des Kaufhauses.

Die Werkstätten der Staatsoper haben wie immer - man erinnere sich nur an die zum Stück nicht passende, aber handwerklich hervorragende Bühnen-Einrichtung bei 'Rusalka' - ausgezeichnete Arbeit geleistet, aber wir müssen wohl noch fleißig assoziieren, um irgendeinen Sinn in diesem teuren Bühnenbild zu entdecken.

An der oberen Reling des Monsterbaus torkelt eine spastisch zuckende Gestalt -
Pawel Brozek - und macht sich in sexuellem Überdruck an der Schaufensterpuppe zu schaffen, dann darf der arme Kerl in verdreckter Pennerkluft das bezaubernde Lied des Steuermanns
Mit Gewitter und Sturm aus fernem Meer
singen. Eigentlich soll ein hübscher junger Tenor damit die Herzen zum Schmelzen bringen, so wie es Fritz Wunderlich einst tat, aber wir sind ja im Regisseurstheater, da muss man sich möglichst beschränkt geben.

Die Bühne wird ’immer lichter’ beleuchtet.
Finstere Schattengestalten nahen sich von hinten und bleiben in der Mitte unter dem Vorbau stehen.

Im portugiesischen Kostüm aus Vasco da Gamas Zeit tritt der Held des Abends auf: ’Der fliegende Holländer'.
Mit perfekt geführter Stimme singt
Stefan Adam, seinen mordsschweren Monolog, die Nr. 2
Die Frist ist um
und erfreut unsere Ohren darüber hinaus während der ganzen Vorstellung.

Mitten in der Holländer-Arie beginnen die finsteren Gestalten aus der Mitte und über die Rolltreppe nach links unten abzugehen. Sie tragen Allerlei, alte Waffen und Kostüme, einer hat das Geweih des Jägers Herne aus dem Falstaff auf dem Kopf – sie stören den Gesamteindruck, der hier tatsächlich einmal gelungen sein könnte.

Für das
Nur eine Hoffnung soll mir bleiben
steigt der Holländer die Rolltreppe hinauf und geht einmal um die Reling herum, kurz vor der toten Kuh rechts bleibt er stehen, um am Ende der Arie linksrumdrehend die Rolltreppe wieder herunterzusteigen.

Szene, Duett und Chor- Nr. 3
Die Bühne verdunkelt sich und links die Szene hinter Rollos erhellt sich dafür. Toller Regieeinfall. Als der Holländer dem Vater Daland aufzeigt
Die seltensten Schätze sollst du sehn;
kostbare Perlen edelsten Gestein

rennt der nach links über die Bühne und singt der beleuchteten Rollos ansichtig werdend mit großem Echauffement
Wie! Ist’s möglich! Diese Schätze!
Worauf der Holländer einwirft
Doch, was du siehst, ist nur der kleinste Teil
von dem, was meines Schiffes Raum verschließt …


Die beiden Männer werden – die Rolltreppe nach Vorgabe des Regisseur Mottls rauf- und runterlaufend – und nach Vorgabe Richard Wagners zum Ende der Nr. 3
Weit komm ich her, verwehrt bei Sturm und Wetter
[…]
Ja! Dem Mann mit Gut und hohem Sinn
gab froh ich Haus und Tochter dahin
handelseinig: Tochter gegen Piratenschätze. Die beiden planen die Heimfahrt, der Wind steht günstig.
So jedenfalls meldet der Steuermann, jetzt wohl wieder bei Sinnen:
Südwind! Südwind!
Ach, lieber Südwind blas noch mehr!


Für die Matrosen zum Ende des ersten Aufzugs stellt die Choreografin
Anastasiya Bobrykowa den Herrenchor auf den Befehl

Frisch! Jungen, greifet an!
in Reihen mit Schaufeln in der Hand für das
Mit Gewitter und Sturm aus fernem Meer
auf. Heißt das:
- sie schaufeln das gestrandete Schiff frei oder
- sie werden gleich zur ’Internationale’ wechseln?
Oder sind es die armen ’Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor!’
Schaufel hoch, Schaufel runter, Schritt links, Schritt rechts – alles im Takt, dabei wird wie immer prächtig gesungen, während ich assoziiere was mein Normal-Gehirn hergibt. Dann noch ein paar Spatenstiche in den Dreck der Küste vor dem Wohncontainer rechts.
Oben hampelt der Steuermann-Tenor herum, schlingt sich einem Musselinschleier um den Hals hebt den Arm zum Gruß.

Der Vorhang fällt.
Keine Pause, denn die Gefahr besteht, dass etliche der Zuschauer das Weite suchen, es finden und nicht mehr wiederkommen.
Also nahtloser Übergang.

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Vorhang hoch für den Damenchor.
Der Monsterbau bleibt auch für den zweiten Akt stehen. Bei Richard Wagner wären wir jetzt für die Nr. 4 in der Spinnstube, dem angenehm heimeligen Kontrast zu rauer Welt der Seeleute. Aber wieder schlägt das Regisseurstheater zu und wohldressiert traben die Chordamen mit Schrittchen und Knickschen, in Pelzmäntel gehüllt - da hingen wohl noch viele in den Kühlhäusern der pleitegegangenen Pelzhäuser - jede eine große Einkaufstüte schwenkend, auf den Köpfen einheitsblonde Perücken, in Kreisen herum und singen dazu vom Rädchen, vom Fädchen und vom Spinnen.
Es ist zu blöd!

Das Programmheft – und das braucht das Publikum mit der vor der Vorstellung notwendigen Lektüre, um zu erkennen, was dieses kostenträchtige Bühnenbild überhaupt darstellt.
Nochmal: Dies soll angeblich das Innere eines Kaufhauses darstellen, neudeutsch eine ’shopping-mall’, der verderbliche Tempel westlicher Konsumsucht, und ich assoziiere:
daher der Bühnenaufbau mit Rolltreppe, die nicht funktioniert.
Und noch mal: Es könnte natürlich auch auf einem der großen Kreuzfahrtschiffe der Shopping-Bereich sein, in welchem sich die Chordamen einkleideten, in Pelz und Fummel.
Da hampeln und trippeln sie nun herum, der Musik folgend, schwingen ihre Einkaufstüten.
…. Man weiß ja, was ein Jäger gilt!
Beim komponierten Lachen knicken sie alle devot zusammen.
Warum? Nichts steht darüber im Programmheft und auch der wonnige Dramaturg verschwieg des Inszenators Gedankengänge.

Seitlich vor der Rolltreppe steht links ein Bänkchen mit der Figur des holzbeinigen Piraten aus der 'Schatzinsel'. Neben ihm hockt eine schwarz-gothic vermummte Gestalt, die Kapuze vor das Gesicht mit Reißverschluss gezogen, den sie, o welche Offenbarung, zum Singen für – noch immer die Nr. 4 - das
Traft ihr das Schiff im Meere an
öffnet.
Ich assoziiere:
- pubertierendes Mädchen, Hormonschwierigkeiten, lebensverneinend, aha, schwarze Klamotten im ’gothic-style’.
Frau Mary in hellblau mit blondem Zopf und Haushaltsbuch,
Julie-Marie Sundal, klingt hübsch, hat aber keine Chance gegen die pelzbemäntelten Damen, die sich unter den Baldachin zurückziehen, stehen und warten - wahrscheinlich, um bald die Klamotten aus den Einkaufstüten auszuprobieren.
Senta stürzt nach vorne, hockt sich an das ’Gestade’ -
Karine Babajanyan – singt jugendlich und fein nuanciert ihre Ballade, rennt zurück zum Bänkchen, die Hand zärtlich auf dem Holzbein der dort positionierten Piraten-Holz-Puppe positionierend.
Die Chordamen kommen beim
Vor Anker alle sieben Jahr
nach links vorne, ziehen ihre Pelzmäntel aus, lassen sie auf den Bühnenboden fallen und heben zum frommen Gebet die Arme in die Luft um das
Ach! Wo weilt sie, die dir Gottes Engel einst könne zeigen?
zu unterstreichen.
Oder wie? Oder was?

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Inzwischen ist eine männliche Gestalt links herangeschlichen, einen Kanister auf dem Rücken, die mit einer langen Spritze die Ränder der Säulen und den Boden besprüht - und ich assoziiere:
Ein Kammerjäger zur Vertilgung von Kakerlaken und sonstigem Ungeziefer.

Beim
Senta! Senta! Willst du mich verderben
entreißt dieser Kammerjäger den Chordamen die Pelzmäntel und wirft sie auf den Boden.
Die Damen klauben dann beim
Sie sind daheim
und im turbulenten Ensemble:
Das Schiffsvolk kommt mit leerem Magen,
um das
Bleib Senta! Bleib nur einen Augenblick
nicht zu stören, die Mäntel auf und enteilen schnurstracks in ihre Kabinen, wohl um die vorhin gekauften Sachen aus der schiffseigenen Mode-Boutique anzuziehen.

Als der Kammerjäger dann mit dem
Der Vater kommt
anfängt zu singen, stellt sich heraus, dass es Erik ist. Bei Richard Wagner von Beruf Jäger, ein ehrlicher Naturbursche als wohlbedachter Kontrast zum schicksalsbeladenen Holländer.
Erich Laporte singt kernig und kraftvoll seine sehr unangenehme hoch angelegte Partie. - Hochachtung! - Dann stürzt er hinaus, wohl an die frische Luft nach der ich mich auch sehne.

Im Regisseurstheater von Bernd Mottl - sein Urahn Felix Mottl dreht sich im Grabe um - und der Jäger Erik wird zum Kammerjäger umfunktioniert.
Blöder geht's nimmer.
Das war daneben wie in Bremen beim ’Rienzi’ mit dem Saugbläser in der Regie der Wagner-Urenkelin. Seitdem heißt es bei der Benutzung dieses Gartengeräts in meinem Haus: “Nimm doch den Rienzi!“

Unauffällig sind Daland und der Holländer auf die Szene gekommen und - ach! - vertan vom Regisseurstheater ist der von Richard Wagner geplante Moment, wo neben dem alten Bild der echte Holländer auftritt, so dass Senta bei seinem Erscheinen ihren Schrei ausstößt.
Der charmante Tobias Schabel preist als Daland den reichen holländischen Schwiegersohn in spe an, muss aber mangels
Sieh dieses Band, sieh diese Spange!
mit dem Knopf an der Manschette seines Hemdes vorlieb nehmen.

Die Tochter zerrt Vater Daland die Gummistiefel von den Beinen, drauf putzt der seine Schuhe, die er im Koffer mit sich führte.
Senta hat sich inzwischen ihrer Gothic-Kluft entledigt und sieht im schwarzen spitzenbesetzten Unterrock recht attraktiv aus.

Da während des Zwiegesangs der Nr. 6 mit
Wie aus der Ferne längst vergangner Zeiten
zwischen Holländer und Senta und beim Terzett Daland, Holländer, Senta
Verzeiht! Mein Volk hält draußen sich nicht mehr
kein inszenatorischer Unfug – bis auf das einfältige Rolltreppe rauf, Rolltreppe runter, mal Senta, mal Holländer oben am Geländer und Sentas Kerzchen Aufstellen auf der rechten Seite. rings um den Holländer herum - passiert, freut man sich, welch vorzügliches Ensemble und welch stimmgewaltigen Chor die Staatsoper Hannover doch hat, mit dem man großartiges Theater machen könnte.
Der Vorhang fällt schnell.

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Für den eigentlich dritten Aufzug erscheint der Chor für sein
Steuermann! Laß die Wacht!
adrett gekleidet in Matrosenanzügen und putzigen Matrosenkleidchen, das scheinen die Klamotten zu sein, die der Damenchor in der ’Spinnstube’ in den Einkaufstüren mit sich führte.

Wäre der Ort dieser Inszenesetzung nicht die Niedersächsische Staatsoper Hannover, sondern ein Musicaltheater in Hamburg an der Reeperbahn, könnte man seine Freude haben, denn die ’show-moves’ sind professionell einstudiert, rechtes Bein, linkes Bein, rechter Arm, linker Arm und rundherum, das ist nicht schwer.
Jetzt wünscht man sich, das Freddy Quinn unter allgemeinem Schunkeln:
"Junge, komm bald wieder" singt.

Körbe mit Baguettes werden aus dem Bühnenhimmel heruntergelassen und Schnapsflaschen verteilt.
Eigentlich folgte jetzt eine der grandiosesten Chorszenen der Opernliteratur zwischen den Matrosen und dem Geisterchor auf dem Holländerschiff.

Zur Erinnerung:
Die konzertante Aufführung im Kuppelsaal am Tage der Bundestagswahl 2013 wo Gänsehaut einem über den Rücken rieselte.
Wenn es szenisch so kommt wie jetzt in Hannovers Staatsoper zu Lasten der Steuerzahler, dann besser und werkgetreuer in einer konzertanten Aufführung.

Dem hochbezahlten Team des Regisseurtheaters aber fällt nur der Auftritt eines Statisten von rechts ein, der die Rolltreppe mit einer flammenden Fackel hinauf rennt und die er in das ’Schiff’ oder in den Keller fallen lässt, worauf ein bisschen rotes Licht und etwas 'Qualm' auf der Treppe, aus dem Unterbau erscheint.
Dies führte dann zur Überschrift in der HAZ:
’Leichen im Keller!’

Der verteilte hochprozentige Fusel tut seine Wirkung, alle Choristen liegen flach auf dem Bühnenboden und stehlen sich dann doch torkelnd davon.

Auch Senta liegt im Dreck als Erik nun in schwarzem kleidsamen Hemd und Hose äußerst lebhaft agierend in der Nr. 8 mit Senta
Was muss ich hören
und mit seinem
Willst jenes Tags du nicht dich mehr entsinnen
Senta wieder zu gewinnen sucht.

Die Kavatine gelingt, aber Senta bleibt ablehnend. Trotzdem versteht der Holländer die Situation falsch,
Verloren! Ach verloren! Ewig verlornes Heil!
fühlt sich trotz Sentas
Was ich gelobte, halte ich!
betrogen und beschließt mit seinem Geisterschiff die nächste Reise. Er steigt hierfür hinab auf die Unterbühne, um Glut in die Kessel zu bringen – oder wie oder was?

Senta folgt ihm.
Die Musik von Richard Wagner deutet Erlösung an - (es wird in Hannover die 'Erlösungsfassung' gespielt.)

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Der spastische Steuermann hat inzwischen die Schaufensterpuppe in eine verschleierte Muslima verkleidet und schmust vorne rechts mit einer weißen Taube oder sonstigem Vogel aus dem Repertoire des Regisseurstheaters.

Das Publikum beklatscht die Leistung der Solisten, des Chores und des Orchesters.

Viele haben sich nicht begeistert gezeigt, wie ein Stück großer Opernliteratur hier in Hannover wieder einmal platt gemacht wurde.

Die anderen haben sich darüber amüsiert, dass man doch so leicht - durch den hannoverschen Theaterdirektor Klügl - Spaß haben kann, und ich assoziiere, dass die Couch eines Psychoanalytikers der bessere Ort zur Aufarbeitung solch wirren Unsinns ist, als die Nds. Staatsoper Hannover.

 

 

 


Um 'Missverständnisse' zu vermeiden:

Als Zeitungs- / Theater-Abonnent und Abnehmer von voll bezahlten Eintrittskarten aus dem freien Verkauf verstehe ich diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik
um der Kritik willen,
sondern als Hinweis auf - nach meiner Auffassung -
Geglücktes oder Misslungenes.

Neben Sachaussagen enthalten diese Texte auch Überspitztes und Satire.

Hierfür nehme ich den Kunstvorbehalt
nach Artikel 5, Grundgesetz,
in Anspruch.

Marie-Louise Gilles