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Staatsoper Hannover
   
Repertoire-Vorstellung - Alban Berg -'Wozzeck' -
07.07.06

  
"Dort links geht's in die Stadt"
 
     
 

 

 

 

Alban Bergs Oper, entstanden zwischen 1914 - als der Komponist Büchner’s Drama auf der Wiener Residenzbühne kennen lernte - und ihrer Fertigstellung im Jahr 1922, gehört zu den wenigen aus dem Bereich der neuen Musik, die sich in den Spielplänen gehalten haben und auch fortwirken z.B. in B.A. Zimmermann’s ’Soldaten’.
Der Tradition von Richard Wagners Musikdrama verpflichtet, verbindet sie die Expressivität Gustav Mahler’s und Arnold Schönberg’s streng gegliederten Formen, Passacaglia, Fuge, Tanzformen – mit den Gesetzen der rhythmisch-metrisch und kontrapunktisch verarbeiteten Zwölftontechnik.
Die Formen geben der Musik szenischen Zusammenhalt, aber auch wenn der Zuschauer nichts davon weiß, erlebt er eine Tragödie, deren Figuren in ihren Nöten und Verstrickungen durch die ihnen zugeordneten Motive und Klänge, Mitleid und Schrecken ganz im Sinne des antiken Dramas erwecken.

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Da Georg Büchner zum Oberstufen-Lehrplan gehört, waren viele junge Leute dieser Altersklasse im Publikum. Warum aber informiert in der Einführung vor der Vorstellung ein süßes Plappermäulchen von Dramaturg zwar kenntnisreich, aber auf Kindergartenniveau das Publikum über Entstehung, Form und Handlung des Wozzeck, dazu die Intentionen des Regisseurs, in dem er albernes Gekicher statt Nachdenklichkeit hervorruft?

Für Regie, Bühne und Kostüme zeichnet Calixto Bieto. Er und der jetzt nach Stuttgart wechselnde Intendant Puhlmann trieben zwar das Publikum zu Tausenden aus dem Theater, aber die Oper Hannover kam ’ins Gespräch.’

Die Mittel hierfür sind höchst einfach.

Das Regie-Theater-Genie überlegt sich, was er nun ganz anders macht als Text und Musik angeben und es bisher zu erleben war. Dann sinnt das Regie-Theater-Genie darüber nach, welches Tabu noch nicht gebrochen wurde, was dann mit frühkindliche Frustration begründet wird.

Auf der völlig geöffneten Bühne des Staatstheaters liegen riesige, wohl phallus-symbolische Rohre herum, rechts hinten ein Klettergerüst, Wozzecks und Marie’s Behausung schwebt als Blech-Containder von oben, irgendwann auch ein Schlauch mit dem man sich nass spritzen kann. Symbolträchtig auch der Ami- Schlitten vor den sich aus unerfindlichen Gründen die Schwerathletin Margret spannen lässt. Die Lämpchen-Ketten, die den Tambourmajor, die Kaschemmenband und das viel strapazierte erotische Schaukelpferd zieren, kennt man allerdings schon aus Zadek’s und Wilfried Mink’s Bremer sechziger Jahren.

Der Doktor in weißem Overall, der Hauptmann, der Jäger ist – man macht es ja ganz anders – in blauem, wattiertem Mantel, das übrige Volk in roten Overalls oder nur mit der eigenen Haut bekleidet.

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Die musikalische Leitung von Shao-Chia Lü koordinierte zwar Orchester und Bühne ordentlich, war aber meist grob und übertönte allzu oft die wahrlich großen Stimmen der Protagonisten.

Oliver Zwarg als Wozzeck mit gut fokussierter Stimme und Diktion gelang es in all dem Getue und Getümmel durch seine Ruhe ein ergreifendes Portrait des gequälten Menschen darzustellen.

Hans-Dieter Bader, der bewährte Tenor-Recke des Hauses erstaunt durch nach wir vor perfekten Stimmsitz und man möchte wissen, was in seinem Kopf in Bezug auf all’ die Mätzchen vorgeht.

Christoph Rosenbaum als Andres, die stimmlich erfreuliche Entdeckung des Abends. Wie er sich in kurzer Zeit entwickelt hat – kraftvoll, ohne Gewalttätigkeit jubelt, lässt alles Gute für die Zukunft wünschen und hoffen. Glaubwürdig stellt er auch den vom ’Regie-Theater-Genie’ gewünschte luftgitarre-zupfenden Irren dar.

Uwe Eikötter als sadistischer Hauptmann – glaubhaft durch präzise Sprache und poinierte Stimmführung zeichnete das Portrait der verabscheuungswürdigen Oberklasse, gegen die Sozialrevolutionäre mit Recht Sturm liefen.

Hans-Peter Scheidegger war die von Publikum gefeierte Grotesk-Figur des bis zur Perversion selbstverliebten Pseudo-Wissenschaftlers. Ihm mit seiner schönen Bass-Stimme wünscht man viel Glück an der ’Komischen Oper Berlin’.

Christiane Iven als Marie sang mit üppiger Stimme und auch sonst. - Ist fleißiger Aktionismus aber der richtige Zugang zu dieser Figur ? Die vielen leisen Fragen über ein Frauenleben ohne Rechte hat das Regie-Theater-Genie mit Mätzchen vereitelt.

Leandra Overmann, gewaltsam wie immer, war als Margret wohl so recht nach den Vorstellungen des ’Regie-Theater-Genie’ und so durfte ein Damenringkampf von Marie und Margret, den Vertreterinnen des Botero-Formats nicht fehlen.

Der Chor sang - wie immer hervorragend von Johannes Mikkelsen einstudiert – klangschön und präzise, quälte sich aber durch das Pipeline-Bühnenbild. Die Statisterie in Eva-und-Adam-Kostüm betätigte sich bewundernswert als des Doktors Leichen und herbeischleichend während der Trauermusik für die tote Marie.

Aber was soll das?

Traut das Regie-Theater-Genie dem Opernbesucher nicht zu, einem der ergreifendsten Stücke zuzuhören und mit dem Komponisten um “das arme Weibsbild“ zu traueren ?

Er präsentiert nackte Leute, damit man deren Besonderheiten beäugt.

Da wir nun allmählich auf dem Stand spätrömischer Gladiatorenkämpfe angekommen sind. Empfiehlt es sich, dass die Regie-Theater-Helden endlich den echten Mord statt Blutspritzer auf der Bühne zeigen und da wir ja schon auf dem Bahnhofstraßen-Kaschemmen-Niveau angekommen sind, den Koitus mit Kindern, Männern, Frauen, Tieren, Leichen realiter vorzuführen.

Dann verschwinden sie hinter Gittern und wir Musik- und Theaterfreunde sind sie los.

 

 

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Ich
verstehe diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik um der Kritik willen,
sondern als Hinweis auf nach meiner Auffassung zu Geglücktem oder Misslungenem.
Neben Sachaussagen enthält diese private Homepage auch Überspitztes und Satire.
Für diese nehme ich den Kunstvorbehalt nach Artikel 5 Grundgesetz in Anspruch.
In die Texte baue ich gelegentlich Fehler ein, um Kommentare herauszufordern.
          Marie-Louise Gilles

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