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Alban Bergs Oper,
entstanden zwischen 1914 - als der Komponist Büchner’s Drama auf der
Wiener Residenzbühne kennen lernte - und ihrer Fertigstellung im
Jahr 1922, gehört zu den wenigen aus dem Bereich der neuen Musik,
die sich in den Spielplänen gehalten haben und auch fortwirken z.B.
in B.A. Zimmermann’s ’Soldaten’.
Der Tradition von Richard Wagners Musikdrama verpflichtet, verbindet
sie die Expressivität Gustav Mahler’s und Arnold Schönberg’s streng
gegliederten Formen, Passacaglia, Fuge, Tanzformen – mit den
Gesetzen der rhythmisch-metrisch und kontrapunktisch verarbeiteten
Zwölftontechnik.
Die Formen geben der Musik szenischen Zusammenhalt, aber auch wenn
der Zuschauer nichts davon weiß, erlebt er eine Tragödie, deren
Figuren in ihren Nöten und Verstrickungen durch die ihnen
zugeordneten Motive und Klänge, Mitleid und Schrecken ganz im Sinne
des antiken Dramas erwecken.

Da Georg Büchner
zum Oberstufen-Lehrplan gehört, waren viele junge Leute dieser
Altersklasse im Publikum. Warum aber informiert in der Einführung
vor der Vorstellung ein süßes Plappermäulchen von Dramaturg zwar
kenntnisreich, aber auf Kindergartenniveau das Publikum über
Entstehung, Form und Handlung des Wozzeck, dazu die Intentionen des
Regisseurs, in dem er albernes Gekicher statt Nachdenklichkeit
hervorruft?
Für Regie, Bühne und Kostüme zeichnet Calixto Bieto. Er und der
jetzt nach Stuttgart wechselnde Intendant Puhlmann trieben zwar das
Publikum zu Tausenden aus dem Theater, aber die Oper Hannover kam
’ins Gespräch.’
Die Mittel hierfür sind höchst einfach.
Das Regie-Theater-Genie überlegt sich, was er nun ganz anders macht
als Text und Musik angeben und es bisher zu erleben war. Dann sinnt
das Regie-Theater-Genie darüber nach, welches Tabu noch nicht
gebrochen wurde, was dann mit frühkindliche Frustration begründet
wird.
Auf der völlig
geöffneten Bühne des Staatstheaters liegen riesige, wohl
phallus-symbolische Rohre herum, rechts hinten ein Klettergerüst,
Wozzecks und Marie’s Behausung schwebt als Blech-Containder von
oben, irgendwann auch ein Schlauch mit dem man sich nass spritzen
kann. Symbolträchtig auch der Ami- Schlitten vor den sich aus
unerfindlichen Gründen die Schwerathletin Margret spannen lässt. Die
Lämpchen-Ketten, die den Tambourmajor, die Kaschemmenband und das
viel strapazierte erotische Schaukelpferd zieren, kennt man
allerdings schon aus Zadek’s und Wilfried Mink’s Bremer sechziger
Jahren.
Der Doktor in
weißem Overall, der Hauptmann, der Jäger ist – man macht es ja ganz
anders – in blauem, wattiertem Mantel, das übrige Volk in roten
Overalls oder nur mit der eigenen Haut bekleidet.

Die musikalische
Leitung von Shao-Chia Lü koordinierte zwar Orchester und Bühne
ordentlich, war aber meist grob und übertönte allzu oft die wahrlich
großen Stimmen der Protagonisten.
Oliver Zwarg als
Wozzeck mit gut fokussierter Stimme und Diktion gelang es in all dem
Getue und Getümmel durch seine Ruhe ein ergreifendes Portrait des
gequälten Menschen darzustellen.
Hans-Dieter
Bader, der bewährte Tenor-Recke des Hauses erstaunt durch nach wir
vor perfekten Stimmsitz und man möchte wissen, was in seinem Kopf in
Bezug auf all’ die Mätzchen vorgeht.
Christoph
Rosenbaum als Andres, die stimmlich erfreuliche Entdeckung des
Abends. Wie er sich in kurzer Zeit entwickelt hat – kraftvoll, ohne
Gewalttätigkeit jubelt, lässt alles Gute für die Zukunft wünschen
und hoffen. Glaubwürdig stellt er auch den vom ’Regie-Theater-Genie’
gewünschte luftgitarre-zupfenden Irren dar.
Uwe Eikötter als
sadistischer Hauptmann – glaubhaft durch präzise Sprache und
poinierte Stimmführung zeichnete das Portrait der
verabscheuungswürdigen Oberklasse, gegen die Sozialrevolutionäre mit
Recht Sturm liefen.
Hans-Peter Scheidegger war die von Publikum gefeierte Grotesk-Figur
des bis zur Perversion selbstverliebten Pseudo-Wissenschaftlers. Ihm
mit seiner schönen Bass-Stimme wünscht man viel Glück an der
’Komischen Oper Berlin’.
Christiane Iven als Marie sang mit üppiger Stimme und auch sonst. -
Ist fleißiger Aktionismus aber der richtige Zugang zu dieser Figur ?
Die vielen leisen Fragen über ein Frauenleben ohne Rechte hat das
Regie-Theater-Genie mit Mätzchen vereitelt.
Leandra Overmann, gewaltsam wie immer, war als Margret wohl so recht
nach den Vorstellungen des ’Regie-Theater-Genie’ und so durfte ein
Damenringkampf von Marie und Margret, den Vertreterinnen des
Botero-Formats nicht fehlen.
Der Chor sang - wie immer hervorragend von Johannes Mikkelsen
einstudiert – klangschön und präzise, quälte sich aber durch das
Pipeline-Bühnenbild. Die Statisterie in Eva-und-Adam-Kostüm
betätigte sich bewundernswert als des Doktors Leichen und
herbeischleichend während der Trauermusik für die tote Marie.
Aber was soll das?
Traut das Regie-Theater-Genie dem Opernbesucher nicht zu, einem der
ergreifendsten Stücke zuzuhören und mit dem Komponisten um “das arme
Weibsbild“ zu traueren ?
Er präsentiert nackte Leute, damit man deren Besonderheiten beäugt.
Da wir nun allmählich auf dem Stand spätrömischer Gladiatorenkämpfe
angekommen sind. Empfiehlt es sich, dass die Regie-Theater-Helden
endlich den echten Mord statt Blutspritzer auf der Bühne zeigen und
da wir ja schon auf dem Bahnhofstraßen-Kaschemmen-Niveau angekommen
sind, den Koitus mit Kindern, Männern, Frauen, Tieren, Leichen
realiter vorzuführen.
Dann verschwinden sie hinter Gittern und wir Musik- und
Theaterfreunde sind sie los.
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