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Bericht
'Tannhäuser'
Repertoirevorstellung Theater Bremen
am 04.12.2011
 

 
 


Ankündigung Theater Bremen

 
 

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  'Tannhäuser'
oder ein Banküberfall mit schlimmen Folgen
   
 

Wenn eine Theaterleitung - wie die derzeitige in Bremen - Richard Wagner so sehr verabscheut, dass sie einen Tobias Kratzer und seine Truppe wirken lässt, um zu seiner Komposition einen kümmerlichen Vorabend-Krimi im Milieu einer 68er Kommune auf die Bühne zu bringen, handelt wie ein Unternehmen, dass eine Packung Waschpulver verkauft, aber beim Öffnen der Packung stellt der Kunde fest, dass Streusand der Inhalt ist, so informiert der zunächst einmal den Verbraucherschutz.

Beim Theater wäre der/die Intendantin/Intendant der/die PublikumsschützerIn. Aber ungestraft zerstören sie - unter Nutzung von Steuergeldern und sonstigen Subventionen wie auch Sponsorenzuwendungen - die deutsche Theaterkultur, um die uns bis vor etwa dreißig Jahren die Welt beneidete. Jetzt aber beobachtet das theaterinteressierte Ausland wie wir mit dem uns eigenen Selbsthass als eingeschüchterte Hammelherde unsere Klassiker verfälschen, verjuxen und entwerten lassen.
Die gehorsame Herde meint ja, 'mit der Zeit' gehen zu müssen, beklatscht jeden Blödsinn, weil er modisch ist und verhält sich so wie die Mitläufer, die träge zulassen, dass sich eine Diktatur aufbaut.
Bei Premieren gibt es zwar einen Proteststurm mit Buh-Geschrei, den die 'Künstler' vom Regie-Team feixend genießen, denn sie haben es 'den verblödeten alten Kaffeetanten und den verkalkten alten Säcken im Publikum' mal wieder so richtig gezeigt!'

Die von 26 Mitgliedern des Richard-Wagner-Verbandes erlebte und erlittene Aufführung war eine Repertoirevorstellung, die mit lauwarmem Applaus für Sänger und Orchester quittiert wurde.

 
 

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Nun zum Geschehen:
Richard Wagners Tannhäuser-Ouvertüre, in der das Choralthema 'Andante maestoso' im Dreivierteltakt in Antithese zur tänzelnden Venusmusik im Zweihalbetakt verarbeitet ist, soll das Publikum in die Problematik des Werkes, nämlich die Unvereinbarkeit von himmlischer und irdischer Liebe in der christlichen Tradition, einstimmen - und das in E-Dur.
Statt sich nun als Publikum innerlich auf dem Kampf der Hormone gegen die Sittenstrenge vorbereiten zu können, geht der Vorhang für eine Schalterhalle einer Bank auf, in der eine Putzfrau werkelt - die Neuenfels'sche 'Aida'-Putzfrau lässt grüßen!
Überall die nach oben zeigende Börsenkurve des Logos und Sprüche: 'Wir investieren in ... ' - wer weiß, was alles. Der  Filialleiter überprüft pingelig die Arbeit der Reinigungskraft und ist ungehalten, dass sie den Dreivierteltakt zum Walzertanzen mit dem Wischmob missbraucht.
Für modische Regisseure, (wir erinnern uns noch mit Grausen an den 'Holländer' in Essen (Regie Barry K.) wo die norwegischen Mädchen als schlampiges Putzgeschwader auftauchten), kommen die blöden Weiber schon mit dem Putz-Gen auf die Welt oder sie werden Nutten oder Irre.

Erste Bank-Kunden erscheinen, holen Geld, bringen Geld, am Fenster draußen fotografiert ein rosa Wesen mit Insektenflügeln - vielleicht die Resteverwertung der Fliege aus 'Orpheus in der Unterwelt', dann poltern dazu ein Clown und ein Pirat herein - 'Überfall!', her mit dem Zaster, Pistolen, Schüsse alles auf dem Boden, schließlich die Polizei, schwarz gekleidet und mit Helm und Schild.
Die drei Räuber: Fliege, Clown und Pirat sind natürlich mit der Beute entwischt.

Vorhang zu.
Dieser coole Krimi-Event hätte eine andere Musik verdient als das krass peinliche Gedröhne von diesem Richard Wagner, das zu der Szene überhaupt nicht passt - denkt der pop-gewöhnte Jugendliche, an den sich die Inszenierung scheinbar wendet.

 
 

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Erster Aufzug.
Da fühlen wir uns richtig heimisch! Eine Bude mit Sperrmüll-Mobiliar und einer Blech-Badewanne, Che Guevara an der Wand.
Die drei Bankräuber ziehen ihre Verkleidungen aus, die Fliege entpuppt sich als hübsche 'Uschi Obermeier', der Clown als eine Art 'Herbert Grönemeier' und der Pirat ist das Animier-Tierchen (man kennt so was aus Zuchtstationen) statt
der Nymphen tanzende Menge!

Man juxt mit dem erbeuteten Zaster herum, nur 'Tannhäuser-Herbert' ist schlecht drauf. Und dann singen die mit ihren komischen Kunststimmen - na ja, wer so was mag! - 'Venus-Uschi' - Julia Rutigliano - für Klassik-Fans: jugendlich frisch, mit angenehmem Timbre, gut geschultem Registerausgleich und auch die Spitzentöne bleiben rund und leuchtend.
Tannhäuser-'Herbert' - Heiko Börner -  müht sich fleißig, überlebt auch alle Schwierigkeiten dieser mörderisch-langen Partie, Hochachtung ist ihm sicher, aber mir fehlt der metallische Kern einer Heldenstimme.

Der Kommunenkrimi nimmt seinen Lauf.
'Venus-Uschi' bemüht sich im rotkarierten Holzfällerhemd und schwarzer Unterwäsche den 'Tannhäuser-Herbert' zum Bleiben zu bewegen, steigt sogar für ihn in die mit Teelichtern geschmückte Badewanne, aber es nutzt nichts, er will weg, sie schimpft die Wagner-Texte herunter
Zieh hin! Zieh hin!
Hin zu den kalten Menschen flieh,
vor deren blödem, trübem Wahn
der Freude Götter wir entflohn
tief in der Erde wärmenden Schoss.
Zieh hin, Betörter! Suche dein Heil,
suche dein Heil - und find es nie!


steigt mit nasser Unterhose in einen Rock - (das arme Mädel holt sich eine Blasenentzündung) - der Animierboy zieht sich ganz aus, was ja in einer modischen Inszenierung Pflicht ist, Polizei erscheint, 'Tannhäuser-Herbert' ist schon zur Tür hinaus, 'Venus-Uschi' springt aus dem Fenster, der nackerte Boy wird nass wie er ist, festgenommen.
Ende der zweiten Szene, Vorhand zu.
Wer ökonomisch denkt, Augen und Ohren trennt, wird großzügig bedient:
zwei Stücke, die nichts miteinander zu tun haben, werden gleichzeitig geboten.

Szene III
Eine Vertreterin der Arbeiterklasse tritt auf. Alexandra Scherrmann liest in der Bild-Zeitung über den Banküberfall und singt sehr hübsch das Lied des jungen Hirten von Richard Wagner.

Vorhang auf

Eine schwarze Mauer und ein Bühneneingang, aufgeklebte Fahndungsbilder der Bankräuber. Die junge Person bezieht ihren Posten als Pförtnerin.
Ein Trupp arbeitsloser Statisten singt was von einer Pilgerreise - ist ja ganz aktuell, wenn Hape Kerkeling sogar darüber schreibt.
Die Statisten drängeln sich durch das Pförtnerhäuschen, da werden wie wohl für eine Show gecastet.
Der 'Tannhäuser-Herbert' ist immer noch schlecht drauf, singt was von Sündenlast, ärgert sich wohl aber mehr, dass er von der erbeuteten Kohle nichts mitbekommen hat.
Voll Mitgefühl mit diesem underdog verbrennt die Pförtnerin das Fahndungsphoto im Mülleimer -
'Achtung Herr Feuerwehrmann - offene Flamme auf der Bühne ist heikel!' 

Der beneidenswerte Dirigent Markus Poschner, der seine Augen in die Partitur versenken darf, seine vorzüglichen Bremer Philharmoniker zu differenziertem Musizieren anleitet, hat mit dem Krimi auf der Bühne nichts zu tun und freut sich wie klangvoll seine Waldhörner die Szene IV einleiten.
Es erscheinen sechs Herren im Bänkerzwirn, deren Chef ein stattlicher blonder Typ namens Herrmann ist, eine gelungene Kreuzung aus Reichsjägermeister und Vorstandsvorsitzendem einer Deutschen Bank.
Sie erkennen den 'Tannhäuser-Herbert', der vor seinem sozialen Absturz mal zum Establishment gehörte.
Besonders konziliant gibt sich ein Adeliger, 'Wolfram von ...', aber kann man ihm trauen? Da war doch eben was mit einem Adeligen, Karl-Theodor von und zu ...
Immerhin singt der Bariton Martin Kronthaler sehr angenehm, auch für jemand, der mit dem 'Opern-Geschrei' nichts am Hut hat und lieber Pop-Musik hört.
Schließlich kommt heraus, dass der 'Tannhäuser-Herbert' mal was mit einer Tussi  aus diesen Kreisen hatte.
Elisabeth heißt sie, hat ihn wohl gern gehört wie die Teenies heute kreischen, wenn Justin Bieber auftritt
an deinem Sang voll Wonn und Leid
gebannt die tugendreine Maid.

aber
wir sehen ihre Wang erblassen
für immer unseren Kreis sie mied


Da kann man schon richtig sauer werden, wenn der Typ einfach abhaut und nicht mal 'ne SMS schickt.
Die Sechser-Boy-Group belabert 'Tannhäuser-Herbert' doch wieder zu seiner 'Lissi-Tussi' mitzukommen, er entschließt sich und dann singen die Sieben einen richtig fetzigen Satz
es tön in frohbelebten Klängen
das Lied aus jeder Brust  hervor


Besser hätten es die Beatles auch nicht gekonnt  - ehrlich - dann fetzt das Orchester und die Hörner in F-Dur, alles auf der Bühne drängelt sich durch die Bühnentür.
Ende des ersten Aufzugs.

Vorhang

Pause

Ratlosigkeit
 
 

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Zweiter Aufzug

Vorhang auf

Eine Kantine mit blauen Korbsesseln, Spinde mit Schließfächern, Getränke-Automat.
G-Dur, Allegro, schnelle Triolen, eine blonde Frau, die Frisur wie damals Winifred, die so für Hitler schwärmte, königsblaues Abendkleid mit Schlitz am linken Bein und schrägem Einschnitt am Dekolleté - es ist die 'Lissi-Tussi' - die hat was vor!

Patricia Andress singt mit hell jubelndem Sopran, feinster Pianokultur, den Text opfert sie jedoch den ganzen Abend dem Wohlklang - schade, das muss nicht sein, denn Richard Wagner hat sich so viel Mühe gegeben, schöne, poetische Worte zu schreiben.
Die 'Hallenarie', das Glanzstück aller jugendlich-dramatischen Soprane mit wohlgesetztem hohen H gelingt bestens! 'Tannhäuser-Herbert' und der 'Wolfram von ...' schleichen durch die Sicherheitstür herein, der Penner stopft seine Plünnen in einen Müllkorb und der Anblick seine 'Lissi-Tussi' haut ihn von den Socken. Natürlich möchte sie wissen, wo er sich rumgetrieben hat, er druckst rum:
Dichtes Vergessen
hat zwischen heut und gestern sich gesenkt.


Der blonde Boss kündigt den Beginn des Song-Contest an und das Publikum drängelt sich in die Kantine, wohl wohl schon öfter so 'ne Show war, weil der Herr Landgraf sagt
Gar viel und schön ward hier in dieser Halle
von euch, ihr lieben Sänger, schon gesungen;

und das Thema heißt
könnt ihr der Liebe Wesen mir ergründen?

Die Jury, zwei Männer und die 'Lissi-Tussi' nehmen in der Seitenloge Platz,
'Wolfram von ...' ist die Startnummer eins.

Vorhang runter

Er singt wohl fades Zeug daher, denn die Jury langweilt sich wie 'Dieter B'.

Vorhang auf.

'Tannhäuser-Herbert' hat es nicht gefallen.

Vorhang zu

Startnummer zwei
Walter von der Vogelweide
ein zartes Kerlchen - Randall Bills - wäre eine Oberstimme für eine à capella Gruppe, aber hier:
No chance! Denn 'Dieter B'. gähnt.

Vorhang auf,

'Tannhäuser-Herbert' widerspricht heftig, das Publikum drängt sich vor dem Monitor.
 
Ein Skandal liegt in der Luft, denn der 'Tannhäuser-Herbert' behauptet
was sich, aus gleichem Stoff erzeuget,
in weicher Formung an euch schmiegt, -
dem ziemt Genuss in freud'gem Triebe,
und im Genuss nur kenn' ich Liebe!


Das ist zu viel!
Es gibt Keilerei, die Bänker fallen über 'Tannhäuser-Herbert' her, der seine Clown-Klamotten aus dem Müllkorb holt, wild in die Luft ballert bis 'Lissi-Tussi' ihr Leben gegen das seine bietet.
Die Randale lässt nach und 'Tannhäuser-Herbert' wird auf Pilgerreise nach Rom geschickt.
So wie wir unseren Bayerischen Benedikt kennen wird er wohl kaum auf Verständnis hoffen können.

Vorhang zu!

Pause
Erneut Ratlosigkeit, Wut, da hilft nur ein großer Schluck.
 
 

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Dritter Aufzug

Ein - U-Bahnhof
Auf zwei Filmleinwänden ziehen Wolken vorbei. Werktätige gehen zur Arbeit. Sicherheitskräfte kontrollieren, auf der Bank sitzt 'Lissi-Tussi' im hellgrauen Nerzmantel mit zerrupfter Frisur.
Der Zug mit Pilgern kommt unterirdisch an, die Leute singen
Halleluja

steigen die Treppe rauf und
nun lass' ich ruhn den Wanderstab,


Ohne Inszenierungsfirlefanz sing Patricia Andress ihr Gebet an die Jungfrau Maria, mit feinen Kopftönen und delikat begleitet von den Philharmonikern.
Dann stopft sie ihren schönen Nerzmantel in eine Mülltonne und verschwindet.

Auch Martin Kronthaler darf ohne Störungen mit Noblesse, schlankem Ton, gekonnter Phrasierung und auch textverständlich den 'holden Abendstern' besingen, während ein dankbares Publikum auch dem samtenen Nachspiel der Bremer Cellisten lauscht.

Ein Penner erscheint - das kann nur 'Tannhäuser-Herbert' sein.
Tapfer berichtet er von seiner enttäuschenden Romreise, Religion ist eben auch keine Lösung!

Mit grellblonden Perücken erscheinen zwei nuttig gekleidete Frauen, 'Uschi-Venus' ist dabei und singt sehr schön die letzten, schweren Phrasen dieser von Richard Wagner so sperrig komponierten Partie.

Volk drängt heran, 'Polizei' erscheint, Randale, Keilerei, Schüsse - die Frauen sind getroffen, die Perücken verrutschen - da ist 'Lissi-Tussi' - Blut, Tod und Chaos.

Anstelle der jüngeren Pilger, die mit dem Wunder des ergrünten Stabes Hoffnung in die Welt tragen sollen, ergießt sich ein Haufen albern winkender grellbunter Clowns auf die Bühne, der letzte Gag einer vierstündigen Unverschämtheit.

Wut, Ratlosigkeit, Achtungsapplaus für Sänger, Dirigent und Orchester -
und dann nichts wie raus.
 
 

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Dabei habe ich in diesem Bremer Theater am Goetheplatz drei äußerst wichtige, auf- und anregende Jahre erlebt, denn der Intendant war Kurt Hübner.
Unvergesslich die SchauspielerIinnen: Edith Clever, Jutta Lampe, Bruno Ganz, Michael König - eine Schönheit, man war süchtig nach seinem 'Peer Gynt' - der heute noch populäre Rolf Becker und viele andere ausgeprägte Persönlichkeiten spielten in  der Regie von Peter Stein, Zadek, Minks,
GMD war Hans Wallat, häufiger Gastdirigent Rudolf Kempe und mich befiel in diesem Hause der Richard-Wagner-Bazillus mit meiner ersten Brangäne, meiner ersten Ortrud.
Und jetzt das!

Ich habe erlebt, dass Hübner, ein Chef, wie er sein soll, bei einer Probe einen Gastregisseur von Balkon aus ausdonnerte:
'Und sie wagen es, mir in meinem Hause eine solche Scheiße anzubieten!'
Möge der heilige Zorn ihn bald auferwecken!

Am 30. Dezember 1852 schrieb Richard Wagner an Ferdinand Heine in Dresden:
'G a r  n i c h t s  liegt mir daran, ob man meine Sachen g i e b t:
mir liegt einzig daran, daß man sie  s o  giebt, wie ich's mir gedacht habe; wer das nicht will und kann, der soll's bleiben lassen. Das ist meine ganze Meinung!'

 
   
 

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Um 'Missverständnisse' zu vermeiden:

Ich verstehe diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik
um der Kritik willen, sondern als Hinweis auf - nach meiner Auffassung -
Geglücktes oder Misslungenes.

Neben Sachaussagen enthalten diese Texte auch Überspitztes und Satire.

Hierfür nehme ich den Kunstvorbehalt nach Artikel 5, Grundgesetz, in Anspruch.


ML Gilles