Ankündigung des Nordharzer Städtebundtheaters
Lohengrin
Romantische Oper in drei Akten von Richard Wagner
Besetzung
| Musikalische Leitung | MD Johannes Rieger |
| Inszenierung | Kay Metzger |
| Ausstattung | Petra Mollérus |
| Lohengrin | Ünüsan Kuloglu |
| Elsa | Katharina Warken |
| Ortrud | Gerlind Schröder |
| Friedrich Telramund | Juha Koskela |
| König | Stephan Klemm |
| Heerrufer des Königs | Gijs Nijkamp |
| Vier Edelknaben | N.N. |
| Orchester, Opernchor, Coruso Chor e.V., Verstärkungschor und Kinderstatisterie des Nordharzer Städtebundtheaters |
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'Lohengrin' oder Eine Biedermeiergesellschaft spielt politisches Märchen |
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Fleißige Dramaturgen beraten die Theaterleitung bei der Auswahl der Stücke für den Spielplan. Sie sind literaturwissenschaftlich, musikologisch, soziologisch und philosophisch geschult, verfassen für das Programmheft die Inhaltsangabe und stellen Beiträge kompetenter Wissenschaftler zu Themen des Werkes zusammen, oder lassen den Autor selbst zu Wort kommen. Die Zuschauer lesen das Heft und denken - aha, heute also Richard Wagners 'Lohengrin': Sage, Geschichte im 10. Jahrhundert, Märchen - schöne Musik dazu. Dann geht der Vorhang auf und es entrollt sich etwas völlig anderes. Es ist zum Glück nicht wie heute üblich ekelerregend, sondern hübsch anzusehen. Wir erleben allerdings nicht das vom Autor vorgesehene 10. Jahrhundert, sondern Menschen in Kostümen der Mitte des 19. Jahrhunderts, die aber den Text König Heinrich des Ersten und der ihre angestammten Rechte und religiösen Überzeugungen verteidigenden Friesenfürstin Ortrud singen. Bin ich im falschen Stück, da alle Darsteller in ihren Gehröcken und Krinolinenkleidern sofort mit Lortzings 'Wildschütz' oder Flotows 'Marta' weitermachen könnten? Des Rätsels Lösung steht im Programmheft: [...] 'Hintergrund und Motiv für Wagners Entscheidung den 'Lohengrin' mit der Epoche Heinrich I. zu verknüpfen, war die in zahlreichen umgekehrten Entsprechungen der politischen Konstellationen einst und jetzt sich manifestierenden Aktualität, mithin die Möglichkeit durch das historische Paradigma Einspruch zu erheben gegen die schlechte Realität der Gegenwart.' [...] Also, sagte sich wohl das Produktionsteam Halberstadt-Quedlinburg: Spielen wir gleich die zeitkritische politische Ebene, die Richard Wagner zu zeigen wohl zu unfähig war. Schon seit den achtziger Jahren, als die Zeitschrift 'Theater heute' begann, eine gewisse Art von Inszenierungen hochzujubeln, bestaune ich das grenzenlose Selbstbewusstsein der Regisseure, die unsere seit Jahrtausenden aussagestarken Klassiker auf ihr eigenes Sozialniveau herunterzubrechen sich erdreisten, trivialisieren, verschmuddeln, brutalisieren, infantilisieren, mit ihren eigenen Neurosen und Privatgeschichten überkleistern, so dass junge Generationen den Wert unserer Theaterkultur überhaupt nicht mehr kennenlernen können. Langeweile und museale Stagnation wird auch bei respektvollem Umgang mit den Werken, die in einem geschichtlichen Rahmen entstanden sind, zeitbezogene Missstände anprangern, nicht aufkommen: übertriebener Männlichkeitswahn, religiöser Wahn, Unterdrückung der Unterschichten, der Frauen, Auswüchse des Absolutismus und vieles mehr, es sind derartig relevante Themen, dass sie, in früheren politischen Umfeldern angesiedelt, ihre allgemeingültige Aussagekraft nicht verlieren. |
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Der recht unterhaltsame 'Lohengrin' in der Inszenierung des Detmolder Intendanten Kay Metzger hat den 18 Mitgliedern des RWV Hannover recht gut gefallen, weil das Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters unter der Leitung von MD Johannes Rieger engagiert musizierte und die sängerischen Leistungen größtenteils erstaunlich gut waren. Katharina Warken sang mit ihrer weichen, angenehmen Stimme eine sowohl in freudiger Erwartung als auch in ihrer Verzweiflung anrührende Elsa. Mit heldisch, italienisch geschultem Organ war Ünüsan Kuloglu in blauen Samt verpackt, das Notenheft und die weiße Schreibfeder immer dabei, nicht gerade der Traum vom silbernen Ritter, aber trotz einiger Textschwierigkeiten sang er so prächtig, dass auch ich Augenmensch sie schloss, um ihm zu lauschen und erleichtert war, dass er sich nach Ansicht des Regisseurs am Ende als literarische Figur verflüchtigte. König Heinrich, Stephan Klemm errang mit seinem Pracht-Bass die Krone des Abends, was auch an der Stärke des Applauses zu erkennen war. Diese Partie erfordert eine würdig schwarze Stimme, die der Sänger bis in die für einen Bassisten unangenehme Höhe führen muss, was nur wenigen Bassisten gelingt. Er kann es - bravo! Gerlind Schröder, in weißem, schulterfreien Krinolinenkleid - Kostüme Petra Mollérus, ist eine elegante, gut aussehende Dame der Gesellschaft, in deren Salon bekannte Literaten und Klaviervirtuosen zu Gast sein könnten. Sie packt zwar all die schweren Phrasen der Partie mit weißer Stimme und in der Tiefe frühem Übergang ins Brustregister, aber ich glaube ihr nicht, dass sie 'im düstren Wald zuhaus' sei, wie es Richard Wagner wollte, sondern es ist schon recht, dass der den Autor korrigierende Regisseur Kay Metzger sie am Schluss eine die Notenblätter ordnende Literatin werden lässt. Ihr zur Seite Juha Koskela als Friedrich von Telramund. Reiterstiefel, weiße Uniform mit Gold-Dekoration (Kenner der Militaria mögen mich belehren, welcher Formation er angehört) ein fescher junger Bursch, blond, stupsnasig, ein goldiger Kerl wohl aus Finnland, der seinen schönen Bariton streicheln und nicht strapazieren sollte, denn Telramund ist ein Verführter, kein Brutalo und dauernd herabgezogene Mundwinkel machen keinen Helden, verzerren aber das hübsche Gesicht und stören beim Singen. Der Heerrufer, Gijs Nijkamp, in der Inszenierung stark beschäftigt als Regierungssprecher und Pfarrer sollte seine nächsten Einkünfte in Unterricht bei einem guten Lehrer investieren, er mag hoffnungsvoll sein, aber noch nicht voll ausgebildet. |
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Alle diese Biedermeierfiguren agieren in einem Theater (Bühne Petra Mollérus), adrett, wie in der Barock-Bühne mit korinthischen Säulen gestalteten Seiten, im Hintergrund abgeschlossen von einem Panorama mit Baum-Scherenschnitten und in der Ferne verlaufender Landschaft, wo der Schwan und Lohengrin als Schatten erscheinen. Dies alles ist bei Kay Metzger, dem viele bürgerliche Details eingefallen sind, z.B. die Hochzeitsgeschenke: Kaffeeservice, Toastständer, Vasen - all das Zeug, das die Hausfrau später bei der Caritas oder beim Müll entsorgt. Fahnen in den Farben der Urburschenschaft nach denen des Lützowschen Freikorps mit denen heftig agiert wird, aufgesteckte Kokarden, Aufzüge mit Standarten, die Uniformen, des Königs Krone und Reichsapfel, die bürgerliche Trauung, Telramunds Leiche in der Theaterloge, Klein-Gottfrieds Auftritt als Bengel, der sein Steckenpferd, das anfangs an der Rampe lag, wieder besteigt und wild mit dem Holzschwert fuchtelt - die Männer werden das Prügeln und Töten nie lassen! - eine Abfolge von hübschen Aktionen. So wie Kay Metzger in Regensburg die 'Elektra' von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss auf 'Familiensaga und Heimkehrerdrama runterbricht', wird Richard Wagners 'Lohengrin', dem der Dichter-Komponist sorgfältige Studien von Texten wie 'Radbod lässt sich nicht taufen', 'Schwanenritter'- und 'Niederländische Sagen', Warnkönigs 'Flandrische Staats- und Rechtsgeschichte, Jacob Grimms 'Deutsche Rechtsaltertümer', die verschiedenen Versionen der Lohengrin-Sage vom 'Bairischen Lohengrin' angefangen bis zu Albrecht von Scharfenberg 'Der jüngere Titurel' über Jacob Grimms ‚'Deutsche Sagen', die Naturreligionen, die schwarze und weiße Magie voranstellte, auf eine biedermeierliche-sentimentale mit Vereinsmeierei geputzte Salon-Schnulze geschrumpft. Ganz hübsch anzuschauen - aber Richard Wagners 'Lohengin' ist besser. Trotz allem gebührt größte Hochachtung den kleinen deutschen Theatern. |
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